Regulatorische Schonfrist oder strategischer Blindflug? Warum § 26d KWG beim Thema ESG zu kurz springt.
07. Mai 2026
Gesamtbanksteuerung ist in vielen Fällen, wenn man mal ganz ehrlich ist, nicht die Befriedigung der eigenen Interessen, in den meisten Fällen geht es darum, die Bedürfnisse externe Stakeholder zu befriedigen. Und wenn es möglich ist, diese Bedürfnisse zu reduzieren, wird diese Möglichkeit im Zweifel dankbar wahrgenommen.
In diesem Kontext mag man meinen, dass es der Gesetzgeber gut mit den kleinen Banken meint: Laut dem neuen § 26d KWG dürfen sich kleine und nicht komplexe Institute (SNCIs) bei ihren ESG-Risikoplänen bis 2029 primär auf Umwelt- und Klimarisiken beschränken. Das klingt nach einem Entgegenkommen der Aufsicht, ist aber bei genauerem Hinsehen ein gefährlicher Blindfleck im Risikomanagement.
Warum? Weil ESG kein Buffet ist, an dem man sich nur die „grünen“ Rosinen herauspicken kann.
Und dennoch zeigt sich, dass die Aufsicht häufig genau das tut. Allerdings sind die Rosinen in diesem Fall die spektakulären Verlustfälle der jüngeren, im Kopf präsenteren Vergangenheit. Dass der Klimawandel Risiken generiert, ist durch Extremwetterereignisse in den Köpfen der meisten Beteiligten angekommen. Die Steuerung dieser Risiken wird insbesondere bei den Banken nicht hinterfragt, deren Schalterhalle bereits in den schlammigen Fluten eines Starkregens untergegangen ist. Das ist nichts anderes, als die vorsichtigere Kreditvergabe nach einem schmerzhaften Ausfall eines Großkunden. Oder die Angewohnheit, bedeutend häufiger Strg+S zu drücken, nachdem die Arbeit eines Nachmittags einem Computerabsturz zum Opfer gefallen ist.
Selten steuert man Risiken, die in der eigenen Verlustdatenbank nicht auftauchen. Weil sie zu abstrakt oder aber mindestens zu weit entfernt wirken. Und das ist möglicherweise ein fataler Fehler. Während wir also CO2-Pfade modellieren, braut sich in der S-Komponente (Social) ein Sturm zusammen, den kein Klimamodell einfängt:
- KI & Arbeitsmarkt-Umwälzung: Wir stehen vor einer technologischen Disruption, die ganze Berufsbilder in Rekordzeit entwertet. Genau wie die Abhängigkeit von CO2 Geschäftsmodelle pulverisieren kann, kann es auch die massive Substitution des Faktors Arbeit durch den Faktor Kapital, nur dass es diesmal nicht ungelernte Arbeiter, sondern viele White-Collar-Jobs treffen wird. Wurde noch bis vor ein paar Monaten das Gespenst des demographischen Wandels und des dadurch galoppierenden Fachkräftemangels beschworen, blicken sich Absolventen von Data-Science-Studiengängen plötzlich verwundert um, weil sich nicht ein Dutzend potenzieller Arbeitgeber um sie reißen. Wie die sozialen Folgen sein werden, lässt sich schwer einschätzen. Aber dass es Folgen haben wird, dürfte klar sein. Kann man „Risiko“ besser beschreiben?
- Radikalisierung & Gesellschaftlicher Zusammenhalt: Soziale Ungleichheit und die Polarisierung der Gesellschaft sind systemische Risiken. Eine radikalisierte Gesellschaft gefährdet nicht nur den Standort Deutschland, sondern verändert auch das Konsumverhalten und die Investitionsbereitschaft. Die bereits beschriebenen Umwälzungen am Arbeitsmarkt dürften dabei ein Katalysator sein. Die Folgen für das Geschäftsmodell einer Bank können weitreichend sein. Ein Engagement in demokratiefeindlich agierenden Kunden gefährdet den eigenen ESG-Score. Und eine zunehmend fremdenfeindliche, protektionistische Politik entzieht einer exportorientierten, international vernetzten Volkswirtschaft mindestens Teile der Existenzgrundlage.
Das sind nur zwei Aspekte, die ich im ESG-Kontext aktuell als riskant einstufen würde. Handelt es sich dabei um ESG-Risiken? Darüber mag man streiten. Aber wenn wir jetzt ein Szenario zeichnen, in dem innerhalb der nächsten fünf Jahre 20 Prozent aller Investmentbanker, Strafrechtler, Radiologen, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater (alle w/m/d) ihre Jobs verlieren, würde dies ein Risiko für eine Bank darstellen? Zweifelsohne. Folge könnte ein plötzlicher Immobilienpreisverfall gerade auf den Premium-Immobilienmärkten wie Eppendorf, Grunewald, Oberkassel, Sachsenhausen oder Bogenhausen sein. Die Fortführung gewohnter Lebensstile plötzlich Einkommensloser ehemaliger Großverdiener bedarf einer Liquidität, die nur durch Abflüsse von Kundeneinlagen in großem Stil möglich ist. Die Nachfrage nach Baufinanzierungen und Vermögensverwaltung gerade der eben noch umworbenen A-Kunden bricht ein. Immobilien-, Kredit- und Vertriebsrisiken brauen sich zu dem besagten perfekten Sturm zusammen.
Eine unwahrscheinliche Dystopie? Möglicherweise. Hoffentlich. Unmöglich? Ich befürchte nicht. Und damit: Ein Risiko!
Es gibt eine Reihe von Fragen, die man sich stellen sollte. Werden langfristige Immobilienfinanzierungen in heute noch stabilen sozialen Räumen zum Klumpenrisiko? Wie sieht das „Product-Market-Fit“ aus, wenn ein signifikanter Teil der Erwerbsbevölkerung durch KI-Strukturwandel unter Druck gerät? Möglichweise handelt es sich hierbei nicht um ein ESG-Risiko im Sinne des Gesetzgebers. Kein Prüfer wird die Frage stellen, ob Sie sich mit dieser Art von Risiken auseinandergesetzt haben, insbesondere dann nicht, wenn Sie ansonsten ein makelloses Verhalten in der Gesamtbanksteuerung zeigen. Aber man sollte nicht nur Risiken steuern, die gesteuert werden müssen.
Sie müssen diese Risiken nicht als wesentlich in der Risikoinventur einstufen, wenn Sie schlafende Hunde nicht wecken wollen. Aber überprüfen Sie Ihr Geschäftsmodell, Ihre Strategie auf Stabilität und Zukunftsfähigkeit und hinterfragen Sie dabei die Anfälligkeit Ihrer Kunden und Ihres Geschäftsgebietes für S-Risiken.
Das Privileg des § 26d KWG ist eine trügerische Sicherheit. Ein Risikomanagement, das 2026 nur auf die Temperaturkurve schaut, aber die sozialen Umwälzungen durch KI und gesellschaftliche Spaltung ausblendet, steuert sehenden Auges in die nächste Krise.
Kleine Banken sollten die „Schonfrist“ nicht zur Untätigkeit nutzen, sondern das „S“ proaktiv in ihre Strategie integrieren und bei der Mittel- und Langfristplanung berücksichtigen. Denn soziale Risiken warten nicht bis 2029.
Lars Holzgraefe hält zwar nicht das Internet in Gänze für Teufelszeug, ist aber tatsächlich der Überzeugung, dass aus der Nutzung von Sozialen Netzwerken Risiken nicht nur für Banken entstehen. Eine Strategie, wie man sich dieser Entwicklung entgegenstellen kann, hat er noch nicht. Deswegen konzentriert sich Lars privat auf das E in ESG und nimmt regelmäßig an Müllsammelaktionen teil.