Historische Simulation auf Basis des Adressrisikoergebnisses – ein pragmatischer Ansatz für die Kreditrisikosteuerung

15. Juli 2026

Es gibt viele gute Gründe, über die Möglichkeit eines Paradigmenwechsels in der Messung von Adressrisiken nachzudenken. Alle etablierten Modelle sind in ihren Grundzügen etwa 30 Jahre alt, es ist an der Zeit, einmal disruptiv an diese Frage heranzugehen und einen ganz anderen Ansatz zu wählen. Die Idee der historischen Simulation auf Basis des Adressrisikoergebnisses nutzt eine bereits in vielen Banken vorhandene, aber oft unzureichend ausgeschöpfte Informationsquelle für die Kreditrisikosteuerung.

Das Adressrisikoergebnis bildet die Veränderungen des wirtschaftlichen Wertes im Kreditportfolio ab und stellt damit eine deutlich feinere Messgröße für Kreditverluste dar als die reine Betrachtung von GuV-Belastungen durch Einzel- und Pauschal-Wertberichtigungen. Viele Banken berechnen das Adressrisikoergebnis bereits seit vielen Jahren, häufig, ohne die Ergebnisse zu nutzen. Gerade vor dem Hintergrund steigender Komplexität bestehender Modelle und begrenzter Ressourcen insbesondere kleinerer Institute stellt sich die Frage, ob diese vorhandenen Datenbestände nicht stärker für die Risikomessung genutzt werden können. Adressrisikoergebnis als Risikomaß Das Adressrisikoergebnis zerlegt Wertveränderungen des Bestands an Kreditrisikoprämien in verschiedene Effekte:

  • Bonitätseffekt durch Veränderungen der Rating-Einstufung,
  • Sicherheiteneffekt durch Veränderungen der Verlustquote (LGD),
  • Laufzeiteffekt durch die Verkürzung der Restlaufzeit.

Während Bonitäts- und Sicherheiteneffekte sowohl positiv als auch negativ ausfallen können, wirkt der Laufzeiteffekt nahezu ausnahmslos risikomindernd. Für die Risikotragfähigkeit einer Bank ist insbesondere die Summe der Effekte relevant, da sie die Veränderung der Risikodeckungsmasse im Zeitablauf beschreibt. Eine alternative, konservativere Sichtweise berücksichtigt dabei ausschließlich Bonitäts- und Sicherheiteneffekte, da der Effekt der automatisch eintretenden Laufzeitverkürzungen schlagend werdende Risiken nicht kompensieren sollten. Von der Historie zum Risikowert Die Grundidee der Nutzung des Adressrisikoergebnisses für die historische Simulation ist bewusst einfach gehalten: Für ein Portfolio wird die Zeitreihe der Veränderungen des Adressrisikoergebnisses analysiert. Die beobachteten Veränderungen werden auf das jeweilige Exposure, die Berichtsgröße „Kreditrisikoprämie EL KM“ bezogen. Aus den historischen Beobachtungen wird anschließend – abhängig von Datenumfang und gewünschtem Konfidenzniveau – die schlechteste relevante Veränderung bestimmt. Diese kann für unterschiedliche Betrachtungshorizonte (Monat, Quartal oder Jahr) ermittelt werden. Erste Untersuchungen zeigen, dass eine konservative Hochrechnung der schlechtesten monatlichen Veränderung auf einen Jahreshorizont zu Ergebnissen führt, die mit den Ergebnissen des barwertigen Kreditportfoliomodells Kundengeschäft aus VR-Control KRM vergleichbar sind. Warum historische Simulation? Die historische Simulation bietet mehrere Vorteile gegenüber komplexeren Modellansätzen:

  • Sie ist einfach nachvollziehbar und leicht in bestehende Prozesse der dualen Banksteuerung integrierbar.
  • Die Schwere historischer Krisen kann fachlich bewertet und plausibilisiert werden.
  • Die schwersten historischen Belastungen werden automatisch berücksichtigt.
  • Zusätzliche hypothetische Krisenszenarien können problemlos ergänzt werden.
  • Portfoliospezifika wie Granularität, Besicherung oder Ausfallkorrelationen werden unmittelbar über die historischen Daten berücksichtigt.

Besonders interessant ist die Beobachtung, dass sich Kreditportfolios mit ähnlichen Geschäftsmodellen häufig ähnlich entwickeln. Erste Analysen deuten darauf hin, dass insbesondere Granularitätskennzahlen einen wichtigen Erklärungsbeitrag liefern und für eine Clusterbildung von Instituten geeignet sein könnten. Methodische Vorteile gegenüber Wertberichtigungsansätzen Grundsätzlich wäre es auch denkbar, anstelle des Adressrisikoergebnisses die Zuführung zu den Ist-Risikokosten in der GuV als Basis für eine historische Simulation zu verwenden. Die Verwendung des Adressrisikoergebnisses bietet gegenüber einer reinen Betrachtung von EWB- oder GuV-Veränderungen aber wesentliche Vorteile:

  • Bonitätsverschlechterungen werden bereits vor einem Ausfallereignis berücksichtigt.
  • Veränderungen von Sicherheitenwerten fließen unmittelbar in die Risikomessung ein.
  • Die Ergebnisse können mit dem grundsätzlichen Verfahren zur Pauschalwertberichtigung nach BFA 7 abgeglichen werden.
  • Methodisch besteht eine hohe Konsistenz zwischen Adressrisikoeffekten und Wertberichtigungslogiken nach BFA 7.

Verwendet eine Bank die vereinfachte BFA-7-Methode, muss eine Ermittlung des Adressrisikos auf Basis von EWB- und PWB-Zuführungen ermittelt werden, da nach den Vorgaben des IDWs die Verfahren der PWB-Berechnung nicht hinter die der Adressrisikosteuerung zurückfallen dürfen. Potenzial für Stresstests und Portfoliosteuerung Ein weiterer Vorteil des Ansatzes liegt in seiner Transparenz. Grundsätzlich erfolgt die Kalkulation eines Kreditrisikos für das ganze Portfolio. Da die Basis der Kalkulation, das Adressrisikoergebnis, aber auf Einzelkontobasis entsteht, kann die Systematik aber auch problemlos auf Teilportfolios angewendet werden. Portfolios können zum Beispiel nach adressrisikorelevanten Merkmalen wie Branchen, Größenklassen oder Ratings segmentiert werden. Für diese Cluster lassen sich historische Durchschnittseffekte und Stressannahmen ableiten. Darüber hinaus können für bedeutende Einzelengagements die Auswirkungen von Bonitäts- oder Sicherheitenänderungen über die bestehende Vorkalkulation in VR-Control simuliert und in die Risikomessung integriert werden. Frühwarnsystem und aktive Steuerung Ein wesentliches Defizit etablierter Kreditportfoliomodelle ist, dass sie keine Unterstützung einer aktiven Steuerung bieten. Die Kalkulation eines Credit Value at Risks unterstützt nur bei der Ermittlung der Risikotragfähigkeit, leitet aber in der Regel keine aktiven Steuerungsmaßnahmen an. Zudem ist der Prozess der Parametrisierung diskret, in der Regel werden die zu verwendenden Parameter einmal im Jahr bestimmt. Der Ansatz, das Adressrisikoergebnis zu verwenden, bietet hier entscheidende Vorteile. Sollte das Adressrisikoergebnis in einem aktuellen Monat außergewöhnlich hoch gewesen sein, erhöht dies einerseits das Exposure, was zu einem Anstieg des gemessenen Adressrisikos führt. Andererseits wird aber auch die Hochrechnung an den jetzt höheren höchsten Wert eines Adressrisikoergebnisses angepasst, was in Zeiten negativer Adressrisikoergebnisse zu einer verstetigten Anpassung des Risikos führt. Sollte sich in der Realität die negative Entwicklung fortsetzen, steigt das Risiko schnell an. War der Anstieg ein Strohfeuer, geht das Risiko auch schnell wieder zurück.
Abbildung 1: Summe der Adressrisikoeffekte & Trendlinie anhand des gleitenden Durchschnitts von 12 Monaten

Die Nutzung des Adressrisikoergebnisses bietet darüber hinaus die Möglichkeit, gleitende Durchschnitte für die Höhe der Effekte zu bilden. Ein Anstieg kann als Frühwarnindikator sinnvoller sein als die isolierte Betrachtung des Adressrisikoergebnisses eines Monats, da dieses auch „zufällig“ sein kann. Ebenso kann ein Durchbrechen der Linie der gleitenden Durchschnitte als Umkehr eines Trends interpretiert werden. Auf Basis dieser Informationen ist es deutlich einfacher, konkrete Maßnahmen zur Steuerung des Adressrisikoergebnisses einzuleiten als auf einem isolierten Wert eines Credit Value at Risks.

Grenzen des Ansatzes: Prozyklik und Validität

Trotz der methodischen Vorteile muss die historische Simulation auf Basis des Adressrisikoergebnisses um drei kritische Aspekte ergänzt werden, um regulatorischen und steuerungsrelevanten Anforderungen gerecht zu werden:

Vermeidung von Prozyklik: Die direkte Reaktion auf monatliche Effekte kann zu unerwünschten, schockartigen Steuerungsimpulsen in Abschwungphasen führen. Zur Glättung sollten daher zwingend gleitende Durchschnitte genutzt und in einen Rahmen der Risikotragfähigkeit eingebettet werden, der antizyklische Puffer explizit berücksichtigt.

Zukunftsorientierung (Backward-Looking): Als rein historisches Verfahren unterschätzt der Ansatz strukturelle Brüche oder „Black Swan“-Ereignisse ohne historische Entsprechung. Er muss daher zwingend durch ein ergänzendes „Stress-Modul“ flankiert werden, das hypothetische, zukunftsorientierte Szenarien jenseits der eigenen Historie abbildet.

Aufsichtliche Konsistenz: Die Anerkennung als Steuerungsmodell setzt gemäß MaRisk eine hohe Modellstabilität voraus. Der Vorteil liegt hier in der direkten Konsistenz zu den BFA-7-Bewertungsstandards: Im Vergleich zu Black-Box-Modellen ist die Methodik über das Backtesting realer GuV-Effekte einfacher zu validieren, erfordert aber eine explizite Dokumentation der konservativen Schätzung.

Fazit

Die historische Simulation auf Basis des Adressrisikoergebnisses befindet sich derzeit noch in einer Phase der fachlichen Diskussion. Bislang liegen jedoch keine grundsätzlichen fachlichen Einwände gegen die Methodik vor.

Kurzfristig ist der Ansatz als Ergänzung bestehender Kreditportfoliomodelle zu verstehen. Langfristig könnte er sich – bei regulatorischer Anerkennung und ausreichender Validierung – insbesondere für kleine und mittlere Institute als kostengünstige Alternative oder Ergänzung zu komplexeren Kreditportfoliomodellen etablieren. Allerdings wird es dauern, bis die Datenbasis einen vernünftigen Reifegrad erzielt hat. Bis dahin sind die beobachteten Effekte potenziell zufällig und könnten zu Fehlsteuerungsimpulsen führen.

Die zentrale These lautet dennoch: Die relevanten Informationen für die Kreditrisikosteuerung liegen in vielen Häusern bereits vor. Es gilt lediglich, sie konsequent für die Risikomessung nutzbar zu machen.

Lars Holzgraefe ist ein erklärter Fan des Adressrisikoergebnisses von VR-Control. Dieses aus einem Schattendasein in der Banksteuerung zu heben und konsequenterweise im Sinne des dualen Steuerungssystems auch für die Risikomessung zu nutzen, hält er persönlich für eine der besten Ideen seit Erfindung des Konditionsbeitrags.